Über Leopold Ullstein ...

(hh) - Im Mai 2013 gab sich das Oberstufenzentrum Industrie und Datenverarbeitung den Namen „Leopold-Ullstein-Schule“. Leopold Ullstein war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Unternehmer und Zeitungsverleger mit einem liberalen und aufgeklärten Denken. Sein Bestreben war es, politisch unabhängige Zeitungen und Meinungen zu vertreiben, damit sich die Menschen ein vielfältiges und eigenes Bild machen können. Er stellte sich damit auch gegen Kaisertum und preußische Regierung. Gerade in der heutigen Zeit mit globalen Versuchen, die Medien- und die Meinungsvielfalt einseitig zu beeinflussen, ist die Erinnerung an unabhängige und demokratische Persönlichkeiten wichtig, um für die eigene Zukunft Orientierung zu behalten.

Am 6. September 1826 wurde Leopold Ullstein in Fürth in Bayern geboren. Zur zeitlichen Einordnung: 1835 wurde mit der sechs Kilometer langen Strecke von Nürnberg nach Fürth die erste deutsche Eisenbahnverbindung eröffnet. Ullsteins Vater betrieb eine Druckerei und Papiergroßhandlung, die weit über Fürth hinaus ihre Geschäfte tätigte. Leopold Ullstein lernte ab dem 15. Lebensjahr im väterlichen Betrieb den Beruf des Kaufmanns. Eine Unterscheidung in verschiedene kaufmännische Ausbildungsberufe gab es zu dieser Zeit noch nicht.

1847 übergab der Vater das Unternehmen an Leopold Ullstein und seine beiden älteren Brüder, die den Hauptsitz des Unternehmens 1850 nach Leipzig verlegten, das damalige Zentrum des deutschen Papier- und Buchhandels. Noch heute besitzt Leipzig eine führende Rolle im deutschen Buchhandel. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten eröffnete Leopold Ullstein 1855 sein eigenes Papierhandelsunternehmen in Berlin, der damaligen preußischen Hauptstadt. Das Unternehmen expandierte schnell, weil führende Verleger und Druckereibesitzer Kunden wurden. Ullstein gründete 1877 selbst einen Verlag, den Ullstein-Verlag. Zur zeitlichen Einordnung: 1871 entstand unter Bismarck das Deutsche Reich, bis dahin gab es eine Vielstaaterei mit Preußen, mehreren Königreichen wie Bayern, Sachsen, Württemberg, Großherzogtümer wie Baden und Hessen, Fürstentümern und Hansastädten wie Hamburg, Lübeck und Bremen. Insgesamt 26 deutsche Staaten schlossen sich zusammen zum Deutschen Reich. Erst dadurch entstand ein einheitliches Geld-, Gewichts- und Maßsystem mit Mark, Kilogramm und Meter. Für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, damals noch weitgehend ein Agrarland, war dies ungeheuer bedeutsam.

Aus wirtschaftlicher Sicht nannte man den Beginn der 1870er Jahre „Gründerjahre“, vor allem in Berlin kam die Industrialisierung mit Unternehmen wie z. B. Siemens und Borsig in Schwung. Das aufgeklärte Bürgertum wurde gegenüber der Monarchie und den nationalliberalen Kräften um Bismarck immer selbstbewusster und Ullstein erkannte, dass zur bürgerlichen Freiheit auch freie Zeitungen gehören, und er erwarb das Neue Berliner Tageblatt und die Berliner Zeitung.

Ullstein wurde in diesen Jahren politisch aktiv und war von 1871 bis 1877 Abgeordneter in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, dem Parlament der neuen Reichhauptstadt. Er trat als liberaler und reformfreudiger Politiker auf, der gegen Bismarcks konservative und obrigkeitsstaatliche Politik und für freie Meinungsäußerung eintrat.

Leopold Ullstein gab ab 1894 mit der „Berliner Illustrierte Zeitung“ die bedeutendste deutsche Wochenzeitung heraus. 1898 gründete er die Berliner Morgenpost, die er zum größten Abonnementsblatt mit 160.000 Abonnenten entwickelte. Der Ullstein-Verlag war zu dieser Zeit für bürgerlich-liberale Politik das bedeutsamste Sprachrohr. Anstrengungen der Regierung, liberale Gedanken, die eine demokratische Verfassung befürworteten, mit Strafanzeigen und Prozessen gegen Redakteure, Beschlagnahmungen von Zeitungsausgaben und Kampagnen zu bekämpfen, trat Ullstein entgegen und unterstützte seine Redakteure.

Am 4. Dezember 1899 starb Leopold Ullstein als erfolgreicher Unternehmer und angesehener liberaler Zeitungsverleger. Seine fünf Söhne führten den Ullstein-Verlag erfolgreich fort, übernahmen weitere Zeitungen und gründeten den Ullstein-Buchverlag sowie den Propyläen-Verlag. 1934 enteigneten die Nationalsozialisten die Ullstein-Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft. Nur Sohn Rudolf Ullstein erlebte das Kriegsende, die anderen Brüder waren inzwischen verstorben, teilweise im New Yorker Exil. Nach dem Krieg bekam die Familie ihr Eigentum zurück, konnte jedoch geschwächt die frühere Unternehmensentwicklung nicht fortsetzen. In den 1950er Jahren fusionierte der Verlag mit dem Springer-Verlag.

Leopold Ullstein war in seiner Zeit ein bedeutender Unternehmer, Industrieller und Zeitungsverleger. Seiner Herkunft entsprechend blieb Ullstein immer bürgerlich-liberal. Er besaß eine tiefe demokratische Grundhaltung und trat aktiv für Meinungsvielfalt ein. Insofern ist und bleibt er Orientierung für unser heutiges Denken und Handeln, das von Toleranz und Respekt geleitet sein sollte.

Hartmut Hannemann
Leiter Abteilung I