Besuch einer Lesung von Dinçer Güçyeter

(sb) Zwei Berufsoberschulklassen der Kläre-Boch-Abendlehrgänge haben die Lesung von Dinçer Güçyeter besucht, die am 15.9.2023 im Rahmen des 23. internationalen literaturfestivals berlin stattfand. 

Dinçer Güçyeter, geboren 1979 in Nettetal, ist Theatermacher, Schriftsteller und Verleger. Er hat 2023 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten für seinen Roman „Unser Deutschlandmärchen“. Er hat auch zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Aus Glut geschnitzt“ und „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ und ist Träger des Peter Huchel-Preises.

Ein paar unserer Gedanken zur Lesung:

Yılmaaaaaaaz! Bring du das Kind zum Friseur, morgen ist Zuckerfest  so hat die Cleopatra des Hauses befohlen  und schon saß ich mit Papa und mit anderen Papas & Söhnen in einem Trimmsalon in der von Bergen umrahmten Provinz Anatoliens  ich will die Haare wie Jackie Chan sage ich zum Onkel Friseur   die Asche seiner Zigarette ist fingerlang  jawohl, das kriegen wir doch locker hin  röchelt er und rast 3 Minuten auf meinem Schädel hin und her aber so sieht Jackie doch nicht aus  die Tränen auf meinen Wangen sind flusslang  junge, richtige Männer heulen nicht. das hier ist das neunundachtziger Modell Jackie ist ein altmodischer deutscher Hund  Papa bestellt mir zum Trost eine helle Cola  diskutiert mit den anderen Papas eine halbe Stunde über Gott und den Himmel […]

Diese Passage ist mein Favorit aus dem Buch „Unser Deutschlandmärchen“. Das weckt einige Erinnerungen in mir, an meine Heimat Iran, als ich ein Kind war. Zwei Tage vor dem Zuckerfest – der Gang zum Friseur mit dem Vater, die lange Schlange, die normalerweise etwas kürzer war, der Zigarettenrauch in dem Salon, die Gespräche, die die Erwachsenen geführt haben, während wir gewartet haben. Schön und unvergesslich! Die Gefühle und die Enttäuschung, da meinen Erwartungen als Kind nicht entsprochen wurde, und vor allem die Gesprächsthemen, was oft die aktuellen Nachrichten waren, werde ich nie vergessen.

 

Nach seiner Ankunft in Nettetal 1965 verfasst Yilmaz (Dinçers Vater) einen Brief an seine Familie, in dem er seine Gefühle mit folgenden Worten ausdrückt: „Die Tarhanasuppe und der frische Käse fehlen mir ein wenig […] Ich lege einen Hundertmarkschein in den Umschlag. In stiller Sehnsucht umarme ich euch beide.“   Hier wird deutlich, dass Yilmaz seine Sehnsucht nach seiner Heimat mithilfe der Geschmäcker aus seiner Heimat, die identitätsstiftende Eigenschaften besitzen, stillen möchte. Zugleich versucht er,  mithilfe der finanziellen Unterstützung bzw. dem Geldgeschenk an seine Familie eine Verbindung zu Heimat und Familie herzustellen und seinem Aufenthalt in der Fremde einen Sinn zu geben. Der Abschiedssatz zeigt deutlich, dass Yilmaz Sehnsucht empfindet. Ob oder inwiefern Dinçer (Yilmaz‘ Sohn) in der nächsten Generation ebenfalls diese Sehnsucht empfindet, bleibt – womöglich absichtlich – unbeantwortet, da jede*r Leser*in diese Wissenslücke  auf ihre/seine eigene Lesart ausfüllen soll.   

 

p.s. auf dem Bild siehst du den Garten. Dieser Garten ist mein Deutschland. Ja, hier siehst du viel Unordnung, alles ein wenig verwegen, die Mülltonnen haben weder eine eigene Garage noch Schlösser. Bald kommt der Frühling, dann wird hier wieder mit dem Pastor Kaffee getrunken. Die Leute vom Theater werden kommen, Dichter, Nachbarn, Verwandte, dann wird hier geprobt, wir werden zusammen Gedichte sprechen, Lieder singen, wir werden uns zum Affen machen, über unsere Macken lachen, über Abschiede weinen, Speisen aus aller Welt kochen … glaube mir, Deutschland, diese kleine Fläche kann oft größer/bunter sein als die Hinterkammern deines Parlaments

Dieser Text aus dem Gedichtband „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ gefällt mir. Noch Utopie oder schon Realität? Die Zukunftsform lässt es erst einmal offen, aber der Frühling kommt, heißt es und der Frühling steht doch meist für Hoffnung! Ich muss auch an die Prüfungslektüre „Herkunft“ von Saša Stanišić denken, in der das Vielstimmig – Verbindende gesucht und gefunden wird.  Dinçer Güçyeter macht Mut, die eigene Stimme zu finden.